Empire

Felice Santoloni Die Oren des Tages und der Nacht

Nr.2219

Eine Serie von 6 signierten  Gouachen

Italien um 1800.

Die sechs Gouachen zeigen Allegorien der Stunden der Nacht und des Tages.

Alle Gouachen links bezeichnet mit: „Raffael Sanzio da Urbino“ und rechts signiert: „Felice Santoloni“.

Originale vergoldete und geschnitzte Rahmen.

 

   Höhe:54 |43 cm | Breite:43 cm | 33 cm ohne Rahmen

Ausführliche Beschreibung:

Die sechs Gouachen zeigen Allegorien der Stunden der Nacht und des Tages. Diese sind als Personifikationen gestaltet, das heißt eine weibliche Figur wird als Sinnbild eines abstrakten Begriffs, hier der einzelnen Stunden, gezeigt. Durch Art und Farbgebung des Gewandes und weitere Gegenstände, sogenannte Attribute, werden die Figuren voneinander unterschieden. Diese Attribute folgen dabei teilweise älteren Vorbildern, verweisen auf die Zeit, die Nacht, den Sonnenstand usw. Beschriftet sind sie auf Italienisch, wobei die Stunde (ora), mit römischen Zahlen beziffert und als des Tages / der Nacht (di giorno / di notte) bezeichnet ist.

Die Figuren, die sich auch in ihrer Körperhaltung und in unterschiedlichen Ansichten (Vorder- und Rückenansichten, seitliche Haltungen) präsentieren, geben der Serie eine große Varianz und erfüllen damit eine alte Forderung der Kunsttheorie nach Abwechslung und Vielfalt der Motive und Körper.

In Format und Gestaltung hingegen sind die Blätter gleich, sie geben die Figuren vor einem dunklen Hintergrund wieder, der ihnen keinen Raum zuweist und sie schwebend darstellt, wie es sich für ein Bild der Imagination gehört. Im unteren Fünftel des Blattes sind in einem rechteckigen Bildfeld Tiere, Pflanzen und Gegenstände zu einem dekorativen Fries zusammengefügt. Diese erinnern an Wand- und Flächendekorationen der Antike und der Renaissance, die diese Motive wiederaufnahm, (sogenannte Groteskenmalereien, wobei die Kunstwissenschaft darunter keine verzerrten, komischen oder absurden Darstellungen versteht, wie es die landläufige Bedeutung des Wortes

„grotesk“ nahelegen könnte.)

Die beiden Bildfelder werden durch den gemeinsamen dunklen Hintergrund und einen davon abgesetzten Rahmen zusammengefasst. Die Figuren erinnern gleichermaßen an Motive der Wanddekorationen von Pompeji und Herculaneum, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckt und publiziert wurden, wie an die Arbeiten Raffaels und seines Schülers Giulio Romanos.

Unter dem Bildfeld sind die Blätter beschriftet, die Inschrift weist die Darstellungen als „invenzione“ also als Bilderfindung Raffaels (Raffael Sanzio aus Urbino) aus. Diese Zuschreibung ist von den Vorlagen übernommen, denn diese Blätter folgen einem 1806 erstmals publizierten und sehr einflussreichem Zyklus von insgesamt 12 Darstellungen der Tages- und Nachtstunden, der als Druckserie erschien und an dem mehrere Stecher beteiligt waren. Die dort behauptete Zuschreibung

an Raffael (Raffael Sanzio d urb inv = Raffael Sanzio de Urbino invenit / Raffael Sanzio aus Urbino hat es erfunden) kann allerdings mit keinem von ihm bekannten Zyklus in Verbindung gebracht werden, wenngleich einzelne Figuren seinen Motiven eng verwandt sind. Sie spielt eher auf eine bestimmte Malweise an

und darf durchaus als verkaufsförderndes Element des damals schon sehr begehrten Malers zu verstehen sein.

Wesentlich enger als an Raffael sind die Bilder an Motive antiker Wandmalerei angelehnt, die damals durch große Druckwerke verbreitet wurden. So geben etwa die acht Foliobände der „Antichità di Ercolane esposte“, die zwischen 1757 und 1792 erschienen, eine ganze Reihe von Figuren wieder, die nicht nur die bei den Ausgrabungen in Herculaneum

und Pompeji gefundenen Wandbilder vorstellen, sondern häufig als Vorlagen für Drucke und Gouachen dienten. Die Bände enthalten auch eine Reihe von Darstellungen, die für den vorliegenden Zyklus zusammen mit Figuren Raffaels als Grundlage der Bildfindung dienten, etwa die zwölf Tänzerinnen aus der sogenannten Villa di Cicerone.

Bei diesen Figuren handelt es sich allerdings nicht um Darstellungen der Horen, schon gar nicht um einen festen Zyklus. So waren die beteiligten Künstler in den Attributen und beigesellten Szenen frei zu kombinieren und assoziativ vorzugehen, was umso mehr nahelag, als die Horen selten dargestelltePersonifikationen sind. Für die Nachtstunden gibt es gar kein antikes Vorbild. Die Ikonographie folgt daher keinem einheitlichen Muster, sondern erlaubt Künstlern wie Betrachtern ein Spiel mit dem antiken und nachantiken Formenschatz. Besonders deutlich wird dies bei den friesähnlichen Bildern, die den weiblichen Figuren beigegeben sind. Auch hier bilden die Bände der„Antichità esposte“ eine wesentliche Referenz, nutzen diese doch derartige dekorative Leisten zur Gliederung der Kapitel.

Die solcherart durch verschiedene Künstler kompilierte Serie entwickelte sich im 19. Jahrhundert rasch zu einem bekannten und beliebten Motiv. Sie wurde mehrfach nachgeahmt und neu herausgegeben. Gerahmt konnten die Blätter einen Hauch Italien und antiker Wandgestaltung in die Wohnstuben und Zimmer des frühen 19. Jahrhunderts bringen. Deutlich effektvoller als die Drucke waren freilich Gouachen, die wiederholt von einigen Künstlern etwa Michelangelo Maestri oder wie hier Felice Santoloni nach diesen Vorlagen ausgeführt wurden. Auch andere Motive etwa der Musen wurden in dieser Aufmachung angeboten. Die Künstler schufen mit diesen fein ausgeführten Malereien und den ansprechenden Motiven kleinformatige Kunstwerke, die besonders bei Kulturreisenden als Andenken sehr beliebt waren. Die Motive finden sich in jener Zeit auch auf Keramiken oder als Wanddekorationen und waren sehr geschätzt.

Die vorliegenden Blätter sind daher nicht nur ästhetisch sehr ansprechend, sondern legen auch Zeugnis ab von der Rezeption antiker und italienischer Malerei und einem kulturhistorischen Phänomen der Zeit um 1800.

Zur Ikonographie der Zeit und der Stunden

Die Zeit ist für den Menschen eine Konstante, mit der er umzugehen lernen muss. Er muss mit ihr haushalten, er kann sie nutzen oder vertun, allein: Aufhalten kann er sie nicht. So sind Philosophen voller Gedanken zur Zeit, Sprichwörter und Kunst beschäftigen sich mit ihr. Die Liste der Personifikationen und Zuweisungen in der europäischen Kulturgeschichte reicht weit zurück.

Chronos, das Sinnbild der Zeit schlechthin, die Horen als Göttinen der Zeit besonders der Jahreszeiten. Aber die Antike kennt auch die Horen der 12 Stunden des Tages. Diese Vorstellungen greift der Zyklus auf, entwickelt sie aber weiter, indem er aus den zwölf Horen des Tages zwölf Personifikationen für die Tages- und Nachtstunden ableitet. Im vorliegenden Fall sind es je 3 für den Tag und 3 für die Nacht.

Die II. Stunde der Nacht

Die Personifikation zeigt eine schwebende weibliche Figur in Rückenansicht, bekleidet mit einem dünnen, zweifach gegürteten Chiton. Ein mit der linken Hand gehaltenes Tuch umschwebt die Figur und gibt ihr mehr Raum und Fülle. In der Rechten hält die Figur ein Stundenglas, was allgemein auf die Zeit und ihr Verrinnen verweist.

Allerdings wurde dieses erst im Mittelalter entwickelt, der Antike war es unbekannt, daher kommt es also auch in der antiken Bildsprache nicht vor.

Im unteren Bildfeld finden sich Hinweise auf antike Literatur, Theater und Feste, also auf die Vergnügungen des Abends und der frühen Nachtstunden. Die Lyra, zu

deren Begleitung die antiken Sänger ihre Verse vortrugen, die Theatermasken (Köpfe), die für die beiden Pole des antiken Theaters stehen: Komödie und Tragödie. Der Thyrsos, der Stab des Bacchus und seiner Begleiter als Symbol ausgelassener Feste.

 

 

Die III. Stunde des Tages

Eine schwebende weibliche Figur in Vorderansicht symbolisiert die dritte Stunde des Tages. Untergewand und das um den Körper geschlungene Tuch werden vom Wind nach rechts bewegt. Die rötliche Farbe des Tuches könnte auf Mesembria anspielen, die Hore der Mittagsstunde. Mit beiden Händen hält sie ein Räuchergefäß, das bei Opferzeremonien benutzt wurde, um duftende Stoffe zu verbrennen, heute noch als Weihrauchfass in der katholischen Kirche gebräuchlich. Über ihrem Kopf erscheint ein Stern mit dem Symbol des Jupiter, dem Vater der Horen. Der Fries zu ihren Füßen zeigt einen Hirsch und einen Schwan, die Wasser trinken. Motive, die aus der christlichen Ikonographie bekannt sind, auf Reinheit und Erlösungshoffnung verweisen. Es scheint aber fraglich, ob diese Gedanken dem Blatt zugrunde liegen.

Das Vorbild aus der Druckserie von 1806 kann auch mit einer Figur von Raffael in Verbindung gebracht werden, seine berühmte Darstellung der Galathea in der Villa Farnesina in Rom wird hier spiegelbildlich umgesetzt. Das ist ein beiDrucken häufig vorkommendes Phänomen, da der Stecher nach dem Vorbild arbeitet, der Druck selbst jedoch immer ein Spiegelbild der Platte darstellt.

Die VI. Stunde der Nacht

Die Darstellung der sechsten Stunde der Nacht unterscheidet sich von den anderen durch ihre Flügel, die als Schmetterlingsflügel ihr eine große Leichtigkeit verleihen. Ihre Bewegung ist nach oben gerichtet auf den Mond zu, auf den sie mit der rechten Hand verweist. Mit der linken umfasst sie einen Schwan, den sie fest an sich drückt und mit sich hinan führt.

Die Figur könnte den Traum verdeutlichen, der geflügelt und leicht von der Erde zu den Sternen hinansteigt. Mehrere alte Symboliken kommen in diesem Bild zusammen, die Reinheit des Schwans, die geflügelte Psyche des Menschen, die sich im Tode, aber auch im Schlaf vom Körper löst und so in eine geistige Welt aufsteigen kann. In dieser letzen Stunde der Nacht erwachen aber bereits jene Vögel, die vor Anbruch des Tages aktiv sind und im unteren Fries versammelt sind. Der Hahn steht bereit, mit seinem Schrei die Schwelle der Nacht zum neuen Tag zu begrüßen.

Die IV. Stunde des Tages

Auch die die vierte Stunde des Tages symbolisierende weibliche Figur erscheint in einem rötlichen Gewand, das für die Farben des Tages und das Licht der Sonne steht. Ein gelbes Band, das sie wie eine Aura umweht, stützt diese Assoziation zusätzlich. Die Figur ist als nach rechts herniederschwebend gezeigt, was von ihrer Körperhaltung und dem Fliegen ihrer Gewänder unterstrichen wird. In den Händen hält sie eine Sonnenuhr, die der Logik des Zyklus folgend, den lichten Tag in 6 Stunden unterteilt. Das beigegebene Bild zeigt eine arkadische Landschaft. Der Säulenstumpf verweist auf die vergangene Antike, See, Baum und Lamm suggerieren die friedvolle Stille einer Landschaft unter südlicher Sonne, in der sogar die Hasen, traditionell furchtsame Tiere, schlafen. Da nach alter

Vorstellung aus dem Physiologus, einem bekannten Werk der Antike, die Hasen mit offenen Augen schlafen, da sie immer wachsam sind, wird der friedvolle Ausdruck durch die mit geschlossenen Augen schlafenden Hasen noch gesteigert.

 

 

Die V. Stunde des Tages

Die Darstellung der fünften Stunde des Tages ist eine weibliche Figur, die in Rückenansicht gegeben ist und sich von dem Betrachter wegzubewegen scheint. Sie wendet sich über die rechte Schulter zu diesem zurück und weist mit der rechten Hand auf die Sonne, die über ihrer Hand zu sehen ist. In der linken Hand hält sie eine oder mehrere Ähren. Unter den Horen der Antike ist Karpo jene, die mit den Früchten, der Ernte, der Reife verbunden ist, allerdings nicht mit einer konkreten Stunde. Der Verweis auf die Sonne, die das Getreide reifen läßt, macht es dennoch nicht unwahrscheinlich, dass sie hier gemeint sein könnte. Auch die die Sonne und die Wärme suchenden Tiere im unteren Bildteil könnten darauf verweisen.

 

Die IV. Stunde der Nacht

Wie eine Spiegelung der vierten Tagesstunde erscheint die vierte Stunde der Nacht. Das gleiche Gewand, doch statt des gelben Tuchs wird es von einem blauen Überwurf, der die Figur hinterfängt, überdeckt. Steht das gelbe Tuch für das Licht der Sonne, so kann das Blau der Nacht mit dem Licht des Mondes assoziiert werden, der das Dunkel der Nacht erhellt und als voll strahlend über der Figur erscheint. Das Tuch hüllt zudem den Kopf ein, ein altes Bild der Nacht und des Schlafes, die auch sprachlich einhüllen. Die Eule auf dem Arm ist das Tier der tiefen Nacht. Sie ist aktiv, wenn die Menschen schlafen. Auch die Tiere im begleitenden Bildfries entsprechen dieser Idee: Igel und Raubkatze als nachtaktive Tiere, die auch im Dunkel sehen können.

                                                                                                     Verkauft

 

 

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